Mille Miglia 2009!

13. Mai 2009

Last update: 14. September 2009.

Seit Jahren schon war ein Besuch bei der Mutter aller Oldtimerrallies, der Mille Miglia, einem 1000 Meilen oder 1600 Kilometer langen Triumphzug der aufregendsten automobilen Klassiker durch die schönsten Landstriche Italiens geplant - heuer hat es endlich geklappt: Roman aus Graz mit seiner reizenden Gattin Bettina per Karmann Ghia Cabrio und ich per Alfa GT Junior mit Beifahrer Helmut, ebenfalls bekennender Alfisti, bildeten die kleine Gruppe, die sich am Mittwoch, dem 13. Mai, in Richtung Toskana in Bewegung setzte.
Aber vor dem Bericht noch ein wenig Automobilgeschichte:
Ende 1926 befanden die vier Herren Canestrini, Maggi, Mazzotti und Castagneto, dass es an der Zeit wäre, ein richtig großes Straßenrennen, Start und Ziel in Brescia, zu veranstalten. Sie nannten dieses Rennen, das am 26. März 1927 zum ersten Mal gestartet wurde, Mille Miglia, die an einem Tag (!!) über 1600 km größtenteils unbefestigter Straßen von Brescia nach Rom und wieder zurück führte. Der erste Siegerwagen war ein in Brescia gebauter OM 665 Superba (2 Liter, Sechszylinder, 80 PS, 825 kg, 138 km/h), gesteuert von F. Minoja und G. Morandi, gefolgt von zwei weiteren OM. Der für damalige Begriffe und Straßenverhältnisse unfassbare Schnitt lautete 77,3 km/h!! Auf Grund dieses Erfolges trägt auch heute bei der Mille Miglia storico immer ein OM Superba die Nummer Eins. Bereits 1930 schaffte der „Fliegende Mantuaner“ Tazio Nuvolari bei seinem Sieg auf einem Alfa Romeo 6 C 1750 mit einer Zeit von 16 Std. 19 Minuten einen Schnitt von über 100 km/h! Es wurde mit allen Mitteln gekämpft, Nuvolari schaltete wenige Kilometer vor Brescia das Licht an seinem Fahrzeug ab, damit ihn der vor ihm fahrende und sich in Sicherheit wiegende Erzrivale Achille Varzi nicht sehen konnte. Aus der Dunkelheit stürmte er an diesem vorbei und gewann das Rennen. Die berühmtesten Rennfahrer versuchten bis 1957 bei der Mille Miglia einen Sieg zu erringen. Der Deutsche Rudolf Caracciola wurde 1930 auf einem Mercedes 720 SSK Sechster, um 1931 mit dem noch stärkeren und leichteren SSKL als erster Nichtitaliener (ingesamt waren es nur drei Fahrer) einen Sieg zu feiern. 1955 siegte Stirling Moss auf dem legendären Mercedes 300 SLR mit einem Schnitt von unglaublichen 157,65 km/h!! Zweiter wurde der Formel-1-Weltmeister Juan Manuel Fangio auf einem baugleichen Fahrzeug.
1957 dann das bittere Ende für diese gnadenlose Jagd auf öffentlichen, nicht gesperrten Straßen: 40 Kilometer vor Brescia fliegt ein Ferrari wegen eines Reifenschadens mit
300 km/h in die Zuschauermenge. Fahrer, Beifahrer und 10 Zuschauer sind sofort tot. Nach diesem schrecklichen Unfall verbietet der italienische Staat jedes weitere Rennen.
Zurück zum 13. Mai 2009: Da vorerst nicht nur von Oldtimern, sondern auch von „ein wenig Urlaub in der Toskana“ die Rede war, hatten wir als Stützpunkt ein Landhaus, typisch Toskana auf einem Hügel nahe der bekannten Stadt Montepulciano gelegen, ausgewählt. Aber dann packte Helmut und mich der Mille Miglia Virus vollends. Während unsere Grazer Freunde ein wenig urlaubten, fuhren wir schon am nächsten Tag die 400 km zurück nach Brescia um dort in der Altstadt die Fahrzeugabnahme mitzuerleben. Hier konnte man alle 360 Teilnehmerfahrzeuge hautnah besichtigen und so manche offene Motorhaube gab Einblicke in das bis zu zwölfzylindrige Innenleben der besten und berühmtesten Sportwagen aus etwa vier Jahrzehnten frei. Ganz zu schweigen von den vielen Promis, die einem hier über den Weg laufen, aber ehrlich gesagt, uns haben die nicht interessiert. Zum ersten Mal seit 1955 fuhr auch der fürchterlich wertvolle (angeblich soll ein superreicher Fan dem Mercedes-Werksmuseum 30 Millionen Euro geboten haben) 300 SLR-Siegerwagen mit, pilotiert von niemand Geringerem als Formel-1-Weltmeister David Coulthart. Nach und nach erfolgte dann der Aufbruch der Teilnehmer zur Startzone, von wo dann ab 20.00 Uhr zur ersten Etappe, über „nur“ 300 km nach Ferrara, gestartet wurde. Es war einfach herrlich, wenn diese hochkarätigen Motoren von ihren Fahrern zum Leben erweckt wurden, so mancher Auspuff spuckte Feuer und Rauch und zeigte damit an, wie „scharf“ die Nockenwellen geschliffen waren. Der Start ab 20.00 Uhr war uns dann aber doch zu spät, mussten wir ja wieder die 400 km nach Montepulciano zurück. Am nächsten Tag stand dann Assisi auf dem Programm, jedoch führte diesmal die Strecke nicht durch den Ortskern, wo wir uns bereits mit unseren Klappstühlen niedergelassen hatten, sondern ein Stück weiter unten. Also im Galopp zurück zum Alfa, Klappstühle hinein und hinunter in die Ebene. Gleich fanden wir einen passenden Platz, so dass wir nur etwa fünf Teilnehmer versäumten. Unsere Freunde Roman und Bettina taten sich diese Hetzerei nicht an und tranken zuerst einmal einen Kaffee … keine eingefleischten Fans eben.
Am Samstag dann brachen wir zu einem Höhepunkt jeder Mille Miglia auf, dem Futa-Pass im Apeninn, nicht weit von Bologna, aber noch fast 300 km vor dem Ziel. Hier, hieß es schon in den Dreißiger Jahren, „trennt sich die Spreu vom Weizen“. Heute ist das natürlich eine gut ausgebaute und asphaltierte Bergstraße, vielleicht mit dem Seebergsattel vergleichbar. Da also ließen wir uns an einem Punkt nieder, von wo wir den Fahrzeugen etwa 300 Meter entgegen und ihnen ca. 150 Meter nachschauen konnten, ehe diese in eine scharfe Rechtskurve mussten. Lange bevor es richtig los ging, glühten schon zig Nichtteilnehmer mit ihren Oldtimern, aber auch modernen Ferraris, Porsches, Motorrädern usw. zumeist im Renntempo den Pass hinauf und hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter. Dann kamen die ersten Teilnehmer, umringt nicht nur von Betreuerfahrzeugen, sondern auch schwer behindert von den bereits erwähnten Privaten. Alle Achtung, was vor allem die ganz alten Fahrzeuge leisteten, mit vollem „Gschäft“ stürmten sie den Pass herauf, unbeeindruckt von dem Chaos ringsherum und eilten weiter auf den ein paar Kilometer entfernt gelegenen Raticosa Pass.
Der Sieg bei diesem wohl bekanntesten „Oldtimer-Rennen“ der Welt ist meiner Meinung nach unwichtig, handelt es sich doch darum, möglichst auf die Hundertstelsekunde genau über einen Kontaktschlauch zu fahren. Sieger in meinen Augen ist jeder, der mit seinem Fahrzeug, hoch- oder weniger hochkarätig ist einerlei, diese Strecke in der Toleranzzeit geschafft hat. Auf der Rückfahrt nach Montepulciano (knapp 100 km) hatten wir die Möglichkeit auf den einladenden Straßen der Toskana (siehe Foto) ein wenig zu heizen…
Unsere Heimreise verlief, abgesehen von der elenden Autobahnstrecke bis Florenz, recht ruhig, da ja am Sonntag die LKW nicht fahren dürfen. Zu Hause angekommen sagte uns ein Blick auf den Tacho, dass wir mit unserem braven Alfa im Verlaufe dieser Mission 3000 (!!) Kilometer pannenfrei (der Karmann Ghia machte 2500 ebenfalls ohne Murren) zurückgelegt hatten…

Rudolf Schranz
 

 

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